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Japan: Referate

 

Schrift und Schriftgeschichte

  

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Proseminar Prof. Dr. Eschbach - Szabo                              

Sommersemester 2001                                                                                      

 

 

 

Schrift und Schriftgeschichte in Japan

 

Die Entwicklung der japanischen Schrift unter besonderer Berücksichtigung der Adaption des chinesischen Schriftsystems durch die Japaner

Eine Zusammenfassung[1]

 

 

A. Grundlegendes

 

„Die Sprache ist die Seele eines Volkes“, so wurde einmal formuliert[2], und auch Humboldt erklärte: „Die Sprache ist gleichsam die äußere Erscheinung des Geistes der Völker. Man kann sich beide nicht identisch genug denken“.

 

Ist dies der Fall, so wird die Bedeutung nicht nur der Sprache, sondern auch der Schrift als die äußere Gestalt der Sprache deutlich. So nimmt es nicht wunder, wenn auch in Japan nach einer ureigenen Form der Schrift gesucht worden ist.

 

 

B. Die Entwicklung in Japan

 

 

I. „Schriftzeichen des Götterzeitalters“ ?

 

Um 1300 wurde erstmals die Vermutung laut, es müsse doch auch ursprüngliche japanische Schriftzeichen gegeben haben. Kokugaku – Gelehrte nahmen um die Wende zum 19. Jahrhundert diese Überlegung wieder auf. Nach einigen japanischen Autoren gibt es eine ureigene japanische Schrift, die sogenannten „Schriftzeichen des Götterzeitalters“ (jindaimo[n]ji). Eine Untersuchung der Darstellung eines „urjapanischen Alphabetes“ durch Hirata Atsutane[3] erweist dieses jedoch als eine Fälschung.[4] 

 

Was allerdings entstand, waren japanische Zeichen nach chinesischem Vorbild („kokuji“), dazu sogleich, B. VII.

 

 

II. Von der Schriftlosigkeit zur Schriftkundigkeit der gebildeten Oberschicht

 

a. Ein goldenes Siegel

 

Nach derzeitigen Erkenntnissen war es die Berührung mit der chinesischen Kultur in den ersten Jahrhunderten nach Christus, die auch die in China bereits seit rund 2000 Jahren verwandte chinesische Schrift nach Japan[5] brachte. Bereits im Jahre 57 n. Chr. überreichte Kaiser Guāngwŭ der japanischen Gesandtschaft ein goldenes Siegel, das mit dem Zeichen „“ (in heutiger japanischer Lesung „na“, damals vermutlich zum Ausdruck der Landesbezeichnung „naka“; Ortsname) das erste überlieferte japanische Wort überhaupt enthielt.[6] An dieser Stelle wurde bereits ein Problem deutlich[7]: während das archaische Chinesisch Auslautkonsonanten aufwies, endete keine einzige japanische Silbe auf solch einen Auslautkonsonanten. Auf dem Siegel folgt das Zeichen für „koku“. Zog man dessen „k“ noch zum „na“ hin, konnte man das besagte Zeichen (unter Aufopferung des japanischen Auslautkonsonanten „a“) verwenden, das sich im archaischen Chinesisch „nâg“ aussprach[8]. Dabei wurde keine Rücksicht auf die Bedeutung des Zeichens genommen. Hier spiegelt sich bereits ein wesentliches Prinzip der Adaption der japanischen Schrift für das Japanische wieder.

 

b. Chinas Interesse an Japan

 

Auch das chinesische Interesse an Japan wuchs. Chinesische Berichte geben japanische geographische Bezeichnungen und Amtstitel wieder (vgl. z. B. den Bericht in den Annalen von Wèi, 3. Jh.).

 

c. Austausch von Gesandtschaften, Gast- oder Tributgeschenken; Zustrom schriftkundiger Koreaner

 

aa) Es kam im Zusammenhang mit der Festigung des japanischen Gemeinwesens im 3. Jahrhundert zu immer engeren Beziehungen zum Festland, deren Ausdruck Gesandtschaften, Gast- oder Tributgeschenke waren. Unter diesen befanden sich auch zahlreiche Spiegel mit Inschriften, was einen wachsenden Kontakt zu den chinesischen Schriftzeichen bedeutete.

 

bb) Der direkte Kontakt über einen von 369 bis 562 gehaltenen Brückenkopf in Mimana (Südküste Koreas) bereitete für die Schriftübernahme unmittelbar den Boden. Die nun zunehmende Zahl meist koreanischer Einwanderer führte auf Grund ihrer chinesischen Bildung dazu, daß sie den in Japan bisher unbekannten Beruf des Schreibers und bis Ende des 6. Jahrhunderts fast ausschließlich alle Ämter übernahmen, die mit der Zusammenstellung der offiziellen Annalen, der Steuereinziehung, dem Rechnungswesen und der Diplomatie in Beziehung standen. Sie waren auch bereits mit dem Problem vertraut, ihre eigenen, dem Japanischen sehr nahe stehenden Sprachen mit chinesischen Zeichen darstellen zu müssen. Vermutlich durch sie kam es daher mit der Zeit zur Ausbildung eines Systems, das jeder der 88 Silben der später als „Altjapanisch“ bezeichneten Sprache mindestens 1 chinesisches Zeichen zuordneten.

 

cc) In der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts kamen auf Anforderung hin konfuzianische Gelehrte aus Korea an den japanischen Hof. Sie unterrichteten an Hand der klassischen konfuzianischen Werke. 538 gelangten die ersten buddhistischen Sūtren und Abhandlungen nach Japan sowie Bücher in Sanskrit und Pāli, der Muttersprache Gautama Buddhas. In der hierdurch bewirkten Berührung mit dem aus der indischen Gupta - Schrift hergeleiteten Alphabet des Siddham (skr.[9]; jap. Shittan), also einer Silbenschrift mit einem logisch aufgebauten System von Vokal- und Konsonantenabfolge deutet bereits eine spätere Entwicklung der japanischen Schrift an. 

Spätestens Ende des siebten Jahrhunderts wurde das Chinesische in Japan dann auch direkt durch Chinesen vermittelt.[10]

 

Zu Beginn des 7. Jahrhunderts schließlich beherrschte die gebildete Oberschicht die chinesische Sprache. Erst mit der Heian - Zeit setzt eine Epoche nationaler Selbstbesinnung ein, und noch zu Beginn des 10. Jahrhunderts war es außergewöhnlich, wenn sich ein gebildeter Mann des Japanischen als literarisches Medium bediente.[11]

 

 

III. Die „Manyôgana“: erste eigenständige lautliche Verwendung der Zeichen

 

Im 6. Jahrhundert wurden nicht mehr nur japanische Eigennamen mit chinesischen Zeichen geschrieben, sondern auch sonstige japanische Worte. Zehn Inschriften (suiko - ibun) sind aus dieser Anfangszeit erhalten, und sie weisen 134 chinesische Zeichen auf, die für 62 japanische Silben verwendet werden.[12] Eine Silbe konnte mitunter durch mehrere chinesische Zeichen vertreten sein.[13] Einige der Lesungen weichen von den späteren Standardlesungen ab. Hierin spiegelt sich der Wandel vom archaischen zum Altchinesischen wieder.[14] Aber 23 dieser Zeichen werden bereits nicht nach einer aus der chinesischen Aussprache abgeleiteten Lesung[15] gelesen, sondern als ein rein japanisches Wort, wobei das Zeichen den Bedeutungsinhalt darstellt. Die 712 herausgegebene, von Ô no Yasumaro kompilierte Chronik Kojiki setzt diese Entwicklung fort als das erste Werk, das zwar in chinesischer Sprache erschien, aber neben phonetisch gebrauchten chinesischen Schriftzeichen als Lesehilfe und Ortsnamen auch 113 rein japanische Gedichte enthält. Die Schriftzeichen wurden dabei rein phonetisch verwendet, sei es in sino-, sei es in rein japanischer Lesung. Z. B. verband man das chinesische Schriftzeichen „“ (modern: chiu, „lange Zeit“) mit  dem Zeichen für „Mutter“ („mu“)[16]. Die Bedeutungen „lange Zeit“ und „Mutter“ waren dabei irrelevant.             Da diese Schreibweise durchgehend in der vermutlich 782/83 beendeten Gedichtesammlung des „Manyôshû“ verwandt wird, hat sich die Bezeichnung „Manyôgana“[17] eingebürgert.

 

Die verschiedenen Lesmöglichkeiten reizten zum Spiel mit den Worten, und wir finden heute noch das Wort „Kabuki“, das aus den Zeichen für „Schauspieler“, der „singt“ und „tanzt“ besteht, und sich das Wort doch eigentlich von dem alten japanischen Verb „kabuku“ (= sich verrenkten) ableitet.

 

Die Texte des Manyôshû setzten voraus, daß der Leser nicht nur die chinesischen Lesungen kannte, sondern es wurde auch verlangt, daß er die japanischen Flexionsendungen beherrschte, die oft nur durch der chinesischen Grammatik entlehnte Zeichen angedeutet wurden. (So konnten Punkte unter den Zeichen etwa bedeuten, daß die so markierten Zeichen phonetisch, d. h. sino - japanisch, und die übrigen semantisch, d. h. rein japanisch gelesen werden sollten).

 

 

IV. Semmyô - gaki[18]: Manyôgana als grammatische Zeichen

 

Diese Praxis wurde in gewisser Weise für Texte, die zum Vorlesen bestimmt waren, und die fehlerfrei beim Hörer „ankommen“ mußten, aufgenommen (kaiserliche Erlasse, semmyô, und Shintô - Gebete, norito).  Durch die Manyôgana konnten bedeutungsunabhängig Silben dargestellt werden, und die Spezifika der japanischen Grammatik, die durch das rein- chinesische nicht ausgedrückt werden konnten (Postpositionen, Flexionsendungen), wurden so in kleinen, speziell angeordneten Zeichen dargestellt[19]. Denken wir die Kana an stelle der Manyôgana, haben wir im Prinzip bereits das heutige Bild. Der Ursprung dieser Art zu schreiben scheint dabei von aus Korea stammenden Hofschreibern herzurühren, die ein in Korea geläufiges System ins Japanische übertrugen (idu, „Beamtenschrift“).

 

 

V. Ersatz durch die Kana

 

Im Folgenden kam es zu einer weiteren Vereinfachung des Schriftsystems, deren Ergebnis die Kana waren.  In einer früheren Schreibvariante des Wortes „kana“ wird, folgt man der traditionellen Erklärung, das Prinzip deutlich: Altjapanisch „karu“ (modern „kariru“) bedeute „ausleihen“, „borgen“, und so nannte man die vereinfachten Zeichen „kari-na“, entliehen Schriftzeichen, assimilatorisch „kanna“.[20]

 

1. Die Hiragana, „vollständig entlehnte Schriftzeichen“ im Gegensatz zu den Katakana entstanden (9./10. Jh.) dabei - teilweise mit Zwischenstufen, Hentai-gana[21] - auf der Grundlage einer Konzeptschriftform (nicht abgekürzter) vollständiger chinesischer Zeichen.[22] Ihrer bedienten sich die Frauen, zumeist Hofdamen (sie schufen auch wesentliche Teile der umfangreichen Literatur der Heian - Zeit), daher hieß diese Silbenschrift noch lange „onnade“ oder „onna moji“. Grundlage für die Auswahl waren die Manyôgana, wobei wegen der Reduktion der Vokale auf fünf zahlreiche Zeichenvariationen für die Silbenschreibungen zur Verfügung standen.

 

2. Die Katakana, „teilweise entlehnte Schriftzeichen“[23] (9. Jh.), waren erst seit einem Erlaß des japanischen Kultusministeriums im Jahre 1900 von den Hiragana beim Schreiben klar getrennt. Sie hatten sich entwickelt aus dem Bedürfnis von Mönchen und Priestern, eine Schrift zu erhalten, um die genaue Aussprache religiöser Texte festzulegen und sich Notizen zu machen. Die Manyôgana nahmen zu viel Zeit in Anspruch, man suchte eine schnell zu schreibende und von der Form her nicht leicht verwechselbare Schrift. Auch hier griff man bei der Auswahl der geeigneten Zeichen auf die Manyôgana zurück, im Gegensatz zu den Hiragana war aber ihre Entwicklung bereits Ende des 12. Jahrhunderts abgeschlossen.[24]

 

 

Zu Hiragana wie Katakana ist zu bemerken, daß die richtige Schreibung der chinesischen Zeichen durch Kana nach lautlichen Veränderungen in der Sprache fraglich wurde. Hier gab es verschiedene Ansichten (Fujiwara no Saidaie [Teika] einerseits [1162 - 1241], Keichû [1640 – 1701] andererseits). Zu Veränderungen zwang schließlich auch der Druck der amerikanischen Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Gefolge der noch zu beschreibenden Verordnung von 1946 wurde die Orthographie der modernen Aussprache angepaßt. Hilfreich für uns ist dabei z. B., daß im Gegensatz zu früher nicht mehr der Satzzusammenhang klärt, ob es sich um das Verb tomaru (gestoppt sein) oder tomeru (stoppen) handelt, sondern die Flexionsendungen in Kana ausgeschrieben werden müssen.[25]

 

Anzumerken ist ferner, daß in der Heian - Zeit und einem bestimmten Zeitraum danach man Texte, die man auf chinesisch verfaßte, mit chinesischen Zeichen schrieb, auf Japanisch verfaßte dagegen mit Kana. Diese Unterscheidung fiel aber auf Grund zunehmender chinesischer Lehnwörter (die auch während der Heian - Zeit in Kana - Texten mit chinesischen Zeichen geschrieben worden waren) und der Praxis der Kanbun - Lesetradition, chinesische Texte so zu lesen, als ob es japanische wären (wenn man schon chinesisch schrieb und japanisch las, konnte man ebenso gut auch gleich selbst dann chinesisch schreiben, wenn man von vornherein die Absicht hatte, japanisch zu lesen oder zu schreiben) wieder fort.[26]

 

3. In der chinesischen Schrift gab es Abkürzungen für besonders oft gebrauchte Worte, wie sie gerade auch im Buddhismus auftraten, der diesen Abkürzungen zum Durchbruch verhalf. So schrieb man etwa für „bosatsu“ die gleichen oberen Bestandteile einfach untereinander. Derartige Schreibungen fanden sich, je nach Zeit in unterschiedlicher Gestalt,  dann auch im Kana - Bereich.

 

4. Ferner wurden diakritische und Sonderzeichen eingeführt. Zur Darstellung der Laute „b“, „d“, „g“, „z“ und „p“, für die das Chinesische keine geeigneten Anlaute darbot, verwandte man den kleinen Kreis (der im Chinesischen bei möglichen unterschiedlichen Tönen je nach Position den korrekten andeutete) und die zwei Striche (oder auch zwei Punkte oder eine Lemiskate o. ä.). Solche Präzision war gerade bei den komplizierten und häufig von der Norm abweichenden buddhistischen Lesungen erforderlich. Für die Wiederholung von Zeichen gab es verschieden einzusetzende spezielle Symbole (heute: „kurikaeshi-fugô“), von denen heute offiziell (anders u. U. im privaten Schriftverkehr in der Belletristik oder in Monographien u. a.) nur noch ein Wiederholungszeichen zur Verfügung steht.

 

5. Wieso keine reine Kana - Schrift ?

 

Angesichts der Möglichkeit, sämtliche Worte der japanischen Sprache in Kana zu schreiben, liegt die Frage nahe, wieso man dennoch auf die chinesischen Zeichen zurückgreift. Abgesehen natürlich von der Tatsache, daß ein Text wesentlich schneller in Kanji zu erfassen ist, als in Kana - wenn man die Kanji denn beherrscht - und der Vermeidung von Homophonie[27] mag psychologisch eine Rolle auch spielen, daß die Kanji ja die „richtigen Zeichen“, mana, wie sie in Abgrenzung zu den Kana genannt wurden, sind, die Kana aber nur die „geborgten“. Hinzu kommt die Faszination der Kanji an sich (dazu a. sogleich).[28]

 

 

VI. Zu den Kana parallele, aber letztlich nicht durchgesetzte Entwicklung: Die Okoto-ten

 

Zur gleichen Zeit (ab dem 9. Jh.) wie die Kana entstand eine Art Notationssystem (Otkoto-ten[29]), das dabei half, chinesische Originaltexte leichter in japanische grammatische oder syntaktische Zusammenhänge umzusetzen. Um die chinesischen Zeichen herum oder sogar in ihren Raum hinein schrieb man, oft auch mehrere und eventuell durchnummerierte, diakritische Zeichen, deren grammatische Funktion zuvor festgelegt worden war. Allerdings besaßen jedes buddhistische Kloster (später: zumindest eher jede buddhistische Richtung) und jede sinologische Schule ihr eigenes System, so daß es Notationsformen gab, die fast für jedes Werk verschieden waren.

Neben dem sehr häufigen Punkt fanden auch andere Symbole Verwendung, etwa -, /, :, =, Z und andere.

 

 

VII. Eigene japanische „Kanji“ („Kokuji“)

 

Wohl auch aus der Faszination der Kanji erwuchsen eigene japanische Zeichen für Inhalte, für die man anscheinend kein passendes chinesiches Zeichen fand[30]. So drückte man hataraku, arbeiten, durch eine Kombination eines Menschen mit dem Zeichen für Bewegung (nur wer sich bewegt, arbeitet...), das sogar mit einer sino-japanischen Lesung versehen wurde („DÔ“), obwohl es doch als eigenständiges japanisches Zeichen eigentlich gar keine besitzen dürfte. Hunderte kokuji entstanden.[31] Auch in der Moderne wurden bei Einführung metrischer und angloamerikanischer Maßeinheiten gegen Ende des 19. Jahrhunderts neben der Einführung zusätzlicher Lesungen auch neue Zeichen kreiert. Auch das Millitär schuf durch Verkürzung letztlich neue Zeichen.[32]

 

 

VIII. Steigende Zahl der Fremdwörter

 

Was uns heute bekannt ist, die zahlreichen Entlehnungen aus dem Englischen[33], Deutschen, Französischen, Russischen und anderen Sprachen, in Katakana gegossen und oftmals als bloße Moderscheinung[34] rasch veraltend, wurde mit der Öffnung Japans seit 1868 initiiert. Die fremde Phonemstruktur führt zu Zeichenkombinationen für wü, she, si etc., wie wir sie bereits im ersten Semester kennengelernt haben.

 

 

IX. Verringerung der Zahl der zu lernenden Zeichen und weitere Veränderung ihrer Gestalt

 

Im Jahre 1900 wurden die Hentai-gana aus den Lesebüchern der Volksschulen verbannt, nur die heute (weitgehend) noch gültigen Formen von Hiragana und Katakana anerkannt und die Anzahl der im Unterricht verwendeten chinesischen Zeichen auf 1200 begrenzt. Die zuletztgenannte Begrenzung wurde nach Protesten 1906 wieder aufgehoben. 1946 kam es, anscheinend auch unter dem Druck der amerikanischen Besatzungsmacht[35], freilich dann durch Regierungsverordnung zu einer Beschränkung der offiziell verwendeten Zeichen auf 1850, den sogenannten „Tôyô - kanji[36].[37] Diese wurden durch 92 Zeichen ergänzt, die seit 1951 lediglich für persönliche Namen freigegeben wurden. Diese Liste wurde 1976 noch einmal um 28 Zeichen erweitert. Die Verordnung von 1946 veränderte (überwiegend: verkürzte) darüber hinaus 426 Schriftzeichen in ihrer Gestalt.[38]

Die Begrenzung der Zeichenzahl brachte allerdings mit sich, daß die furigana, die sich zuvor oftmals neben den Kanji befunden hatten, fast völlig aufgegeben wurde, da jeder die begrenzte Anzahl an Zeichen lesen können sollte.[39]

 

Die Unzufriedenheit mit der Beschränkung auf eine solch geringe Zeichenzahl führte zu einer neuen Liste im Jahre 1981, den Jôyô - kanji („chinesische Zeichen für den Normalgebrauch“), die 1945 Zeichen enthält, die Anzahl der für Namen vorgesehenen auf 166 erhöht und zudem die Muß - Vorschrift der Liste von 1946 in eine Sollens - Vorschrift umwandelt. Zudem wurde anerkannt, daß die richtige Zeichenform die ungekürzte und unveränderte ist, wie sie vor dem 16. 11. 1946 gegolten hatte. Schließlich wurden die den Tôyô - kanji beigegebene Liste der Lesungen ergänzt und für einige Zeichen unwesentlich revidiert. 1990 wurden noch einmal 384 „Schriftzeichen für den Gebrauch in Eigennamen“ (jinmeiyô kanji) zugelassen. Insgesamt gibt es daher nunmehr wieder 2329 offiziell zugelassene sinojapanische Schriftzeichen.

 

Dies war der letzte Schritt im Rahmen einer Entwicklung, die zu einer „kanji – kana - majiri -bun“, einer „Mischschreibung aus chinesischen und Kana - Schriftzeichen“ und deren Ausgestaltung führte, die die japanische Sprache wiederzugeben völlig imstande ist.

 

 

 


C. Anhang

 

 

Zur Orientierung: Japanische Sprachperioden (nach Grein, 97 f.)

 

 

1.  Archaisches Japanisch

Pre - Jômon (bis 5. Jh. v. Chr.) über Jômon (5. Jh. v. Chr. bis 2. Jh. v. Chr.), Yayoi (2. Jh. v. Chr. bis 3. Jh. n. Chr.) und Yamato (3. Jh. bis 6. Jh.) bis Azuka - Zeit (Mitte des 6. Jh. - 710).

 

2. Altjapanisch (jôko nihongo)

Nara - Zeit (710 bis 794) und Heian - Zeit (794 bis 1186)

 

3. Mitteljapanisch (chusei nihongo)

Kamakura - Zeit (1186 bis 1336) und Muromachi - Zeit (1136 bis 1603)

 

4. Neujapanisch (kinsei nihongo, Early Modern Japanese)

Edo (Tokugawa) - Zeit (1603 bis 1868)

 

5. Standardsprache der Gegenwart (gendai hyôjungo, Modern Standard Language)

Seit der Meiji - Zeit.

 

 

 


Literaturverzeichnis

 

 

Hinweis: Eine ausführliche Literaturübersicht bietet Grein, 12 ff.

 

 

Grein, Marion: Einführung in die Entwicklungsgeschichte der japanischen Schrift. Mainz: Liebe 1994.

(zit. „Grein“)

 

L e w i n, Bruno: Sprachbetrachtung und Sprachwissenschaft im vormodernen Japan. Rheinisch - Westfälische Akademie der Wissenschaften. Vorträge G 258. Opladen: Westdeutscher Verlag 1982.

(zit. „Lewin“)

 

M i l l e r, Roy Andrew: Die japanische Sprache. Geschichte und Struktur. Aus dem überarbeiteten englischen Original übersetzt von Jürgen Stalph in Verbindung mit Anita Brockmann... Monographien aus dem Deutschen Institut für Japanstudien der Philipp - Franz -  von Siebold - Stiftung. Band 4. München: Iudicium 1993.

(zit. „Miller“)

 

M ü l l e r  -  Y o k o t a, Wolfram : Schrift und Schriftgeschichte, in : Bruno Lewin, Sprache und Schrift Japans. Von Bruno Lewin in Zusammenarbeit mit Kay Genenz... [In: Handbuch der Orientalistik. Fünfte Abteilung. Japan. Herausgegeben von H. Hammitzsch. Erster Band. Allgemeins, Sprache und Schrift. Zweiter Abschnitt. Sprache und Schrift Japans.] Leiden, New York, Køpenhavn, Köln: Brill 1989, 185 ff.

 

[Eine ausführlichere Version dieses Aufsatzes findet sich im Bochumer Jahrbuch für Ostasienforschung.]

 

O b i e t a  C h a l b a u d, José A.: El derecho de autodeterminación de los pueblos. Un estudio interdisciplinar de derechos humanos [In: Publicaciones de la Universidad de Deusto. Volumen 11.]. Bilbao: Universidad de Deusto 1980.

(zit. „Obieta Chalbaud“)

 

 

 

 

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© 2001 André Marhaun

 

Erstellt:                        13./15. Juni 2001

Letzte Änderung:          20. Juni 2001

 

Kontakt

 

 

 

 

André Marhaun

      18. Juni. 2001

 

 

 

 

 

 

 



[1] Die vorliegende Arbeit legt in erster Linie die Arbeit Müller - Yokotas zu Grunde, die weiteren im Literaturverzeichnis genannten Bücher sind teilweise eingearbeitet.

[2] Obieta  Chalbaud, 35: „[…] constituya el alma y la esencia de toda etnia “.

[3] Kanna hifumi-no den, 1819.

[4] Vgl. zu diesem Themenkomplex auch die Nachweise bei Grein, 9.

[5] Miller, 98, beobachtet interessanterweise: „Auf Chinas fernöstliche Nachbarn wirkte die Schrift in der Regel unwiderstehlich, während man in den Ländern Zentralasiens, die ebenso früh bedeutende kulturelle Kontakte zu China unterhielten, im allgemeinen alphabetische oder semisyllabische Systeme indischen Urprungs bevorzugte.“

[6] Es handelte sich um ein Siegel zum Zeichen der Zugehörigkeit zum chinesischen Reich („König [des] Land[es] Na [in zum] Hàn [Reich gehörenden] Japan“), vgl. Müller - Yokota, in: Lewin, 185.

[7] Während die chinesische Schrift, ein eher auf morphemischen als auf phonemischen oder phonetischen Prinzipein beruhendes Schriftsystem (d. h., es handelt sich bei den Einheiten, für die die chinesische Schrift individuelle graphische Zeichen zur Verfügung stellt um Morpheme - sprachliche Einheiten wie shan (Berg), jen (Mensch) oder kuo (Land, Staat))für die Verschriftung des Chinesischen, das damals wie heute keine oder nur geringfügige Flexion besaß, recht geeignet war, ähnelte das Japanische in dieser Hinsicht eher dem Deutschen oder Englischen. Es besaß flektierte Formen und eine Menge grammatischer Kategorien und Merkmale, die sich stark von denen des Chinesischen unterschieden. Vgl. Miller, 100.

[8] Morohashi, Zeichen Nr. 3115.

[9] Ursprünglich und in Indien war dies allerdings nicht der  Name der Schrift selbst, sondern eine fromme Ermahnung „möge es vervollkommnet werden“, die man vor Schreibübungen auf die Tafeln der Kinder schrieb. - Das Phonemarrangement dieser Schrift ist Ursprung der Konsonantenanordnung (andere Anordnungen: ame – tsuchi und iroha - Liste) des ponologischen Kana - Arrangements, Miller, 134.

[10] Vgl. Miller, 96.

[11] Lewin, 18 f.

[12] 24 Silben sind nicht repräsentiert.

[13] Begrenzt in erster Linie durch die bei den meisten Japanern fehlenden notwendigen Kenntnisse de japanischen Schrift.

[14] Während des 8. und 14. Jahrhunderts wurden noch zweimal, aus verschiedenen Gebieten Chinas, die jeweils aktuelle chinesische Lesung übernommen.

[15] Bei den Ableitungen wurden Zugeständnisse an die phonetische Eigenart des Japanischen gemacht, es kam zur Lautsubstitution. Tonhöhenunterscheidungen wurden fallengelassen, die Mehrzahl der chinesischen Dipthonge monophthongiert. Die entlehnte chinesische Lesung ist die sogenannte „ON -“ oder „Sino - japanische Lesung“.

[16] [Leider sind die Kanji - Fähigkeiten meines Programmes gerade beschränkt, daher erfolgt deren Verwendung hier nur sporadisch].

[17] Im Manyôshû [verwendete, aus der chinesischen Wortschrift] entlehnte Zeichen (Kritik an der Verwendung dieses Begriffes übt z. B. Miller, 103, er schlägt für den phonetischen Einsatz chinesischer Schriftzeichen den Begriff „Phonogramm“ vor). Die On - Lesung wird in drei Lesarten unterteilt: go - on (die verbreitetste Lesart), kann - on und tô - in. Diese stammen zum einen aus verschiedenen Epochen, zum anderen aus drei Provinzen bzw. Gebieten, die aber alle in den östlicheren Teilen Chinas liegen (go - on basiert auf dem südchinesischen Dialekt der ehemaligen Provinz Wu, kann - on basiert anscheinend auf der Standardsprache der T’ang Periode (618 - 907) und der Sprache des Gebietes nordöstlich von Xian, to - in, das mehr oder weniger auf Zen – buddhistische Begriffe beschränkt ist, basiert auf der Sprache der Gegend um Hangzhou und Shanghai, Grein, 59 ff. Zur den damaligen Kontroverse um die Benutzung der jeweiligen Aussprache Miller, 109 ff. („Von den guten gläubigen Seelen, denen man beigebracht hatte, auf die zukünftige Glückseligkeit der issai shujô ‚aller beseelten Wesen’ im gokuraku ‚Paradies’ zu vertrauen und auf ihre Erlösung von der jigoku ‚Hölle’ durch Glauben an die jihi mugen ‚unbegrenzte Barmherzigkeit’ des Boddhisatva, all dies in go - on, konnte kaum erwartet werden, ihren Glauben und ihre Aussprache quasi über Nacht auf issetsu shûsei, kyokugaku, chigyoku und shihi bukan zu verlegen - den Kann’on - Entsprechungen der gegebenen Termini.“) - Wörter wie niku“ oder „netsu“ waren schon früh so naturalisiert, daß man sie im Gegensatz zu go - on und kan - on als „wa - on“ bezeichnete. Im wesentlichen handelte es sich dabei aber um eine alte go - on - Schicht, Miller, 110 f.

[18] Semmyô - Schreibstil.

[19] Begriffswörter wurden also mit nach semantischer Methode entlehnten chinesischen Schriftzeichen geschrieben, Endungen und Partikel mit nach phonetischer Methode entlehnten Schriftzeichen, also manyôgana. Der Satzbau war dabei rein japanisch.

[20] Miller, 127 f. freilich weißt daraufhin, diese Herleitung werde von den meisten japanischen Wissenschaftlern nicht mehr ernsthaft in Betracht gezogen, sondern ein letztlich indischer Ursprung befürwort (skr. kāli, „die Konsonanten“); außerdem sei darauf hinzuweisen, daß die beiden ersten Konsonanten der koreanischen phonetischen han.kŭl - Schrift „k(a)n(a)“ lauteten.

[21] Abweichende Kana. Diese lebten teilweise fort und finden sich heute noch in den standesamtlichen Familienregistern und auch in der Kaligraphie sowie bei einigen Ladenschildern, z. B. sobaya. Miller, 131, spricht gar davon, daß sich sagen ließe, die gegenwärtigen Kana -  Syllabare seien nicht eigentlich erfunden worden, sondern bildeten eher den Überrest eines Jahrhunderte andauernden langsamen Abnutzungsprozesses, der die prächtigen Konturen eines einstmals extrem umständlichen und redundanten graphischen Systemes habe abbröckeln lassen, bis in die Moderne nur noch das (hocheffiziente) Skelett des Originales übriggeblieben sei.

[22] Wahrscheinlich durch schnelles, schwungvolles und insbesondere kursives Schreiben mit dem Pinsel, Grein, 46.

[23] „quadratische (bzw. Vielleicht Seiten-) Kana” nach Miller, 131, der aber, 132, darauf hinweist, auch die Frühformen der Katakana hätten einen eher runden, fließenden Duktus gehabt.

[24] Ein weiterer Unterschied ist, daß die Frauen ihre gesamten Texte mit Hilfe der Silbenschrift erstellten (Grein, 46, erklärt, während der Heian - Zeit sei es den Frauen untersagt gewesen, andere chinesische Zeichen als die manyôgana zu erlernen; zumindest jedenfalls stieß ein solcher Wunsch im allgemeinen auf Ablehnung, vgl. Miller, 128 f.),  während die Katakana den Männern durchaus auch nur als Lesehilfe dienen konnten.

[25] Anders im Falle von Verbalsubstantiven.

[26] Vgl. Miller, 136 f.

[27] Vgl. das krasse und äußerst lesenswerte Beispiel für ein Mißverständnis in der gesprochenen Sprache bei Grein, 67 f.

[28] Vgl. a. Miller, 105 f.

[29] Benannt nach der Struktur eines der damaligen Notationssysteme, näher Müller - Yokota, in: Lewin, 185 (206).

[30] Grein, 72 spricht davon, es handele sich um höchstens 250 Kanji, die überwiegend der Wiedergabe einheimischer Pflanzen- und Tiernamen sowie einiger nicht aus China entlehnter Begriffe dienten.

[31] Vgl. das Wakashû - shintai - shôchû - kann’yô; als ein Beispiel sei noch genannt das Verb kaerimiru, sich umblicken, zurückschauen, das der Verfasser als „den bisher nach vorn gerichteten Blick jetzt nach hinten wenden“ interpretiert und daraus folgert, man könne hierfür zwei nebeneinander geschriebene Schriftzeichen für „sehen, blicken, schauen“ schreiben, wenn man das eine davon auf den Kopf stelle.

[32] Die für die Maßeinheiten und den militärischen Sektor verwendeten Zeichen werden heute nicht mehr verwendet, die übrigen Kokuji aber schon. Seit 1946 sollen allerdings die für Pflanzen und Tiernamen gebräuchlichen Kokuji in Katakana geschrieben werden.

[33] Eine 1964 vom Kokuritsu Kokugo Kenkyûjo (National Language Institute) durchgeführte Studie zeigte, daß in japanischen Zeitschriften durchschnittlich ca. 10 % anglo-japanisches Vokabular verwendet wird (neben nur 37 % rein japanischem, 47 % sino-japanischem und einer Anzahl an Vokabularverknüpfungen), vgl. Grein, 91 f.

[34] Das gilt für ungefähr die Hälfte aller westlichen Entlehnungen, für diese gibt es auch ein rein japanisches bzw. sino-japanisches Wort. Die übrigen sind Begriffe vorwiegend aus dem technischen und naturwissenschaftlichen Bereich, für die es an Äquivalenten fehlt.

[35] Vgl. Müller - Yokota, in: Lewin, 185 (218).

[36] Tôyô kanji hyô („Tafel chinesischer Schriftzeichen für den einstweiligen Gebrauch“) vom 16. November 1946. „Einstweilig“ meinte: so lange, bis man weitere Reformen sorgfältig durchdacht haben wollte. Viele glaubten fälschlicherweise aber, tôyô bedeute „grundlegend“, „elementar“ oder gar „kanji für den täglichen Gebrauch, was sich dann in der Bezeichnung der „jôyô“ -  kanji das fehlerhafte Verständnis rechtfertigend wiederfand, vgl. Miller, 141.

[37] 881 (später dann 996 und seit 1991/92 dann 1006) wurden in den 6 Volks-, die übrigen in den folgenden 3 Mittelschuljahren gelernt.

[38] Dies bedeutete zugleich natürlich eine weiteren Lösung der kulturellen Bande mit China, dessen Politiker auf dem Festland ihre eigenen Reformen verfolgten.

[39] Ein weiterer Nachteil ist auch die Erstreckung der Katakana - Verwendung auf Tier- und Pflanzennamen (s. schon oben Fn. 30), da der Laie seine Schwierigkeiten haben mag, festzustellen, ob es sich bei kanzô nun um Süßholz, das japanische Zyperngras oder die Taglilie handelt. Eine Erleichterung dagegen war die Schreibung kaiserlicher Edikte und in Gesetzestexte in Hiragana und mit diakritischen Zeichen, statt in Katakana ohne jegliche diakritische Zeichen.